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Data & Intelligence Mai 14, 2019

Wird Ihr Zuhause zu einem intelligenten Gefängnis?

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Foto von Ben Houdijk Photography via New Dutch Wave

Der Titel dieses Beitrags ist nur eine von vielen Fragen, die der vom Future Today Institute (FTI) veröffentlichte “Tech Trends Report 2019” aufwirft. Futuristin und FTI-Gründerin Amy Webb präsentierte die 12. Ausgabe des Reports auf der SXSW 2019. Im Fokus der 381 Seiten starken Veröffentlichung stehen das schnelle Tempo und die zunehmende Wichtigkeit der technologischen Entwicklungen unserer Zeit. So müssen Unternehmen heutzutage dem technischen Fortschritt gegenüber aufgeschlossen und anpassungsfähig sein, um zukunftsfähig zu bleiben. Für alle, die keine Zeit haben, den gesamten (und übrigens sehr interessanten) Text zu lesen, fasst Webb die wichtigsten Fragen zusammen: Inwiefern das Ende der Privatsphäre gekommen ist und ob Ihr Haus eventuell smarter ist als Sie denken.

 

Das Ende der Privatsphäre

Die Gesichts- und Spracherkennungstechnologie hat im Laufe des letzten Jahres bedeutende Fortschritte gemacht. Dies hat die Entwicklung neuer Produkte wie beispielsweise des chinesischen Byton-Autos ermöglicht, das dank Gesichts- und Spracherkennung ohne Zündschlüssel auskommt. Zudem wurden Patente auf Systeme zur Emotionserkennung angemeldet. Sie sollen Autofahrern helfen, Wut und andere starke Emotionen während der Fahrt zu kontrollieren, und so für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen. Die neue Ära der künstlichen Intelligenz mit Emotionserkennung spiegelt sich auch in der SMART-Home-Technologie wider. Wenn Alexa zukünftig in der Lage sein sollte, unser Verhalten und unsere Gefühle zu lesen, könnte das Serviceangebot besser auf die individuellen Bedürfnisse des Besitzers abgestimmt werden.

Klingt verlockend, oder? Aber wie soll unsere Gesellschaft – in Zeiten der Datenschutz-Grundverordnung – mit Datenerhebung bezüglich unseres Verhaltens, unserer Emotionen und unseres psychischen Zustands umgehen?

Das Future Today Institute prognostiziert außerdem ein kontinuierliches Branchenwachstum für technologische Wearables, denn das Potenzial “intelligenter” Produkte ist noch längst nicht ausgeschöpft. Im Gegenteil: Hier wird sich in nächster Zeit die Produktpalette stark ausweiten. Es gibt bereits intelligente Schuhe, Gürtel oder gar Yogahosen, die Bewegungen erkennen und aufzeichnen. Diese sind in der Lage gesammelte Messwerte zu vergleichen – immer mit dem Ziel, uns zum Gehen, Sitzen oder Yoga machen zu motivieren.
Allerdings sollten wir uns als Verbraucher, Einzelpersonen, Eltern, Unternehmen, Manager etc. fragen, wem diesen biometrischen Daten tatsächlich gehören. Wer trägt die Verantwortung für den Schutz unserer Daten?

IHR HAUS IST SMARTER, ALS SIE DENKEN

Wer sich fragt, woher der Trend kommt und wohin diese Entwicklungen führen werden, muss nicht lange auf eine Antwort warten: Laut Webb wird sich die Nutzung intelligenter Geräte im Alltag häufen, da wir es zwar leid sind, mit Menschen zu kommunizieren, gleichzeitig aber den großen Wunsch hegen, mit Maschinen sprechen zu können.

Ein Beispiel dafür ist die Amazon Basics Mikrowelle, mit der wir unser Essen statt per manuellem Bedienfeld per Voice-Control erwärmen können. Dies erscheint für den modernen Verbraucher nichts Weltbewegendes, doch für Unternehmen wie Amazon verändert diese technologische Weiterentwicklung alles. Bislang beschränkte sich der Dateneinblick auf den Zeitraum vor dem Kauf eines Produkts, doch nun können darüber hinaus Daten während der Nutzung erhoben werden: Wann immer wir unser Essen zubereiten, hat Amazon Zugriff auf unsere demografischen Informationen, was wir wann gegessen haben, welche Marke wir präferieren und derlei mehr. Kombiniert mit den Daten, die bereits vor dem Kaufvorgang generiert wurden, könnte Amazon bald in der Lage sein, zu ermitteln, in welcher Stimmung Menschen sind, wenn sie bestimmte Lebensmittel verzehren – und inwiefern unser Verhalten mit der Wahl bestimmter Lebensmittel zusammenhängen könnte.

Smart Devices sammeln schon jetzt Unmengen von Daten im Eigenheim, denn nur so funktionieren die Apps in Echtzeit erst. Und die nächste revolutionäre Phase hat längst begonnen: 2018 hat sich Amazon mit LENNAR, dem größten Bau- und Immobilienunternehmen der USA, zusammengeschlossen, um Smart Homes à la Amazon zu bauen. Ob Sicherheitssysteme, Küchenausstattung, Beleuchtung, oder Energie – diese Häuser werden mit Hilfe intelligenter Systeme gesteuert, die das Alltagsleben der Bewohner erleichtern sollen. Und wenn mal etwas kaputt geht, leitet das System diese Information automatisch weiter. Die eigentliche Frage ist hierbei: Wo liegt die Grenze zwischen einem intelligenten Haus und einem alles kontrollierenden Gefängnis? Gehen wir noch einen Schritt weiter: Denken Sie an Google Health, Google Brain sowie bald auch Amazon mit seinen Plänen, im Bereich Health Care Fuß zu fassen. Diese könnten unser Gewicht per Smartwatch kontrollieren, bei einer Gewichtszunahme umgehend einen gefährdeten Gesundheitszustand melden und eine Diät anordnen. Dies könnte dazu führen, dass die Mikrowelle sich weigert, Ihnen Popcorn zuzubereiten, oder die Garagentür sich nicht öffnen lässt, damit Sie statt mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Alles zu Ihrem eigenen Besten, versteht sich.

Die Frage bleibt: Wohin wird uns die neue smarte Technologie führen? Webbs Vorhersagen sind folgende:

  • Das optimistische Szenario (Wahrscheinlichkeit 0 %)
    “Unsere Geräte arbeiten plattformübergreifend und durchweg kompatibel mit Google, Amazon und Apple gleichermaßen. Sie helfen uns, Zeit und Energie zu sparen, um so einen besseren, gesünderen Lebensstil anzuregen. Smart Homes sind sicher und machen Spaß!”
  • Das neutrale Szenario (Wahrscheinlichkeit 30 %)
    “Wir gehen diesen Weg ohne abzuweichen weiter. Schnell stellen wir fest, dass unsere Betriebssysteme für zu Hause, in der Schule oder im Büro nicht gleichermaßen adaptierbar sind wie unser mobiles Betriebssystem (selbst das macht es uns schwer). Wir sind frustriert, geben mehr Geld aus, als wir wollen, haben aber kaum eine Wahl.”
  • Das katastrophale Szenario (Wahrscheinlichkeit 70 %)
    “Wir leben in einem Google-, Amazon- oder Apple-Haus und alle Daten sind dort gespeichert. Das Smart Home trifft Entscheidungen für uns, die wir weder nachvollziehen können noch selbst treffen würden. Unser Zuhause ist ein smartes Gefängnis – und es gibt kein Entkommen.”

Die genannten Szenarien und Wahrscheinlichkeiten beruhen selbstverständlich auf der Annahme, dass wir jetzt nicht handeln. Noch ist uns eine derartige Zukunft nicht unausweichlich vorherbestimmt. Aber wir müssen anfangen, uns zu überlegen, in welchem Maße wir personenbezogene Datenerfassung und smarte Technologie in unserem Leben akzeptieren wollen – und dementsprechende Entscheidungen treffen.

DAMIT ZUSAMMENHÄNGENDE TRENDS

Ein gängiger Fehler ist, sich beim Lesen des Tech Trend Reports nur auf die Trends zu konzentrieren, die eine unmittelbare Auswirkung auf das eigene Unternehmen haben. Webb hebt hervor, dass es wichtig sei, seinen Horizont zu erweitern und auch Trends zu berücksichtigen, die uns indirekt betreffen. Nur so können ganzheitliche Zusammenhänge erkannt werden. Warum sonst sollte sich Walmart beispielsweise für unterirdische Landwirtschaftsbetriebe in Japan und China interessieren, die sich als viel effizienter erwiesen haben als traditionelle Anbaumethoden? Oder für die Tendenz zu extremen Wetterphänomenen wie Firenados?

Diese Trends sind Indikatoren für eine Veränderung der weltweiten Lebensmittelversorgungskette. Wenn man sie mit Amazons Übernahme der Supermarktkette Whole Foods in Verbindung setzt, bekommt man eine plausible Vorstellung davon, in welche Richtung sich die Nahrungsmittelherstellung entwickeln könnte: Lebensmittel werden aus modifiziertem Saatgut in Indoor-Pflanzenfabriken angebaut, die sich direkt neben dem Verkaufsort befinden. Das Ergebnis sind für den Endverbraucher günstigere Nahrungsmittel, da sowohl die Transportkosten als auch Risiken durch extreme Witterungsbedingungen wie Firenados entfallen. Eine solche Entwicklung könnte das Ende der großen Lebensmittelketten bedeuten.

Dies ist jedoch nur die erste Ebene angrenzender Risiken, die mit dem skizzierten Trend zusammenhängen. Sollte Amazon die Möglichkeit von Indoor-Farmen im großen Stil nutzen, gäbe es auch keinen Bedarf mehr an Langstreckentransporten. Neben den traditionellen Landwirtschaftsbetrieben würden demnach auch die Speditionen obsolet. Doch damit nicht genug: Wenn es keinen Bedarf mehr am Im- und Export von Nutzpflanzen zwischen den Ländern gibt, könnte der Amazon-Konzern versehentlich den gesamten Weltmarkt beeinflussen.
Aus diesen Gründen ist es wichtig, beim Lesen solcher Berichte auch die Trends in anderen Branchen eingehend zu betrachten und den Schmetterlingseffekt im Hinterkopf zu behalten. So können Zukunftstrends uns interessante Einblicke und Erkenntnisse liefern.

FAZIT

Es ist also durchaus sinnvoll, nicht nur die Trends zu beobachten, die eine direkte Auswirkung auf Ihr Unternehmen haben. Globale Trends, die vielleicht in Zukunft eine Rolle für Sie spielen könnten, sollten ebenfalls wahrgenommen werden. Wenn Ihnen das jedoch zu viel Aufwand ist, dann bleiben Sie bei der Kernaussage: Die zunehmende Vernetzung der Welt bedeutet, dass unsere Privatsphäre stetig kleiner und kleiner wird. Wir sollten uns also fragen, wie viele Informationen wir wirklich teilen wollen – so lange wir noch die Gelegenheit dazu haben.

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